Kapitel 25

Goodbyes

verfasst: 04.07.2020

Things end but memories last forever.
~ Kumar Milan ~

Er wusste nicht wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war. Lucas lag immer noch auf dem steinigen Wüstenboden, nun jedoch, auf dem Rücken. Sein Gesicht war schweissgebadet. Ab und zu wurde er von kurzen, aber heftigen Krämpfen geschüttelt. Sein Atem ging stossweise. Warum fühlte sich sein Körper an, als würde er brennen? Plötzlich erkannte er einen simlischen Umriss über sich. Panik stieg in ihm auf. Wer war das?! Was wollte derjenige von ihm?! Lucas wollte aufstehen, aber er war unfähig, sich zu bewegen, seine Muskeln waren wie steifgefroren! „Ganz ruhig.“ hörte er wieder die Stimme von vorhin, sie war männlich, klang erstaunlich beruhigend und stammte höchstwahrscheinlich vom Unbekannten. Lucas strengte die Augen an, versuchte die Gestalt und deren Gesicht zu erkennen und dann… Oh Gott…

Nein, nein, nein! Es war Katys… verfluchter… Vampirliebhaber! Was will dieses blutrünstige Monster von ihm?! Will er ihn töten? Will er ihn fressen? Lucas wollte am liebsten wild um sich schlagen, doch sein Körper reagierte einfach nicht, also fing er an zu schreien und zwar wie am Spiess. Aber davon liess sich der Vampir nicht beirren, sondern holte etwas kleines, spitzes, dass in der Sonne verdächtig glänzte, aus einem Köfferchen heraus, welches er plötzlich bei sich hatte. Das nächste was der am Bodenliegende spürte, war ein scharfer Stich, als ihm die Nadel einer Spritze in den Unterarm gestossen wurde. Lucas schrie abermals auf, wollte seinen Arm wegreissen, aber es war vergebens. Er war der Bestie ausgeliefert und musste hilflos zusehen, wie die klare Flüssigkeit langsam unter seiner Haut verschwand. Sekunden später verflog seine Angst und seine Schmerzen wichen einem Gefühl unendlicher Ruhe. Verdammt… dieser Dreckskerl hatte ihn vergiftet… Unwillig entspannte er sich und schloss die Augen.

Als er wieder zu sich kam, war seine Sicht noch ganz vernebelt. Wo war er? War er tot? Automatisch schnellte seine Hand an seinen Nacken… keine Bisswunden, doch zwei kleine Punkte waren an seinem linken Unterarm zu erkennen. Sah aber nicht wie ein typischer Vampirbiss aus… bizarr. Noch ein wenig benommen, sah er sich um. Er lag auf einem Liegestuhl, auf einer Terrasse. Vorsichtig setze er sich auf, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Er war nicht tot. Es sei denn, im Himmel siehts genauso aus wie in StrangerVille.

Er war überwältigt, von der fantastischen Aussicht, direkt über den Canyon.

„Du bist wach!“ ertönte es plötzlich hinter ihm und er machte einen erschrockenen Satz von der Liege. Wenigstens schein sein Körper wieder einwandfrei zu funktionieren. „Hab keine Angst mein Junge, ich tu dir nichts.“ Das faltige Gesicht einer älteren Simin lächelte ihn freundlich an. Sie stellte ein Tablet mit Keksen und einem Glas Milch auf das kleine Tischchen neben dem Liegestuhl. „Iss und trink, damit du wieder zu Kräften kommst.“ ermutigte sie ihn. Lucas war verwirrt. „Wer sind Sie?“

„Du kannst mich Granny nennen.“ Er war noch genauso verwirrt, „was mache ich hier? Was ist passiert?“„Caleb wird es dir sicher gleich sagen, er müsste jeden Moment hier sein… und jetzt iss mein Junge, die Kekse sind selbst gemacht.“ Mit grosser Skepsis betrachtete er die verlockenden Kekse, als Katys Vampirlover mit einem erleichterten Lächeln die Veranda betrat. Lucas liess Keks Keks sein und setzte sofort sein bösestes Gesicht auf. „Duuu..!“ stiess er aus zusammengekniffenen Kiefern hervor, „was hast du mit mir gemacht?! Und was hast du mit der unschuldigen Alten gemacht?! Hast du sie manipuliert?! Bestimmt hast du sie versklavt, du gewissenloses Monster!“ Das Lächeln seines Gegenübers zerfiel schlagartig.

Etwas betreten wandte er sich Granny zu, die inzwischen auch ziemlich bestürzt drein guckte, und bat sie ins Haus zu gehen, was sie nach kurzem Zögern auch tat. „Ja fliehen Sie nur Oma!“ rief Lucas ihr hinterher, „ich werde schon allein mit ihm fertig, dann sind Sie endlich frei!“ und schon brachte er seinen schmächtigen Körper in Angriffshaltung. „Lucas…“ versuchte es dieser Caleb sanft und ging langsam auf den drohenden Sim zu: „Komm mir nicht zu nahe, oder ich mach dich kalt!“

Nur einen Wimpernschlag später, holte er bereits ein Dutzend Knoblauchknollen, die er vorhin aus einem Schrebergarten gestohlen hatte, aus seinem Inventar und bewarf den leichenblassen Typen damit. Ha ha! Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn die drei ersten bekam er voll ins Gesicht! Doch sie schienen ihm nichts anzuhaben?! Die Bestie sollte doch schon längst röchelnd am Boden liegen?! Vielleicht war er auch immun? Oh oh! Damit hatte Lucas nicht gerechnet. Also holte er rasch die ultimative Vampirtötungswaffe hervor, den Holzpflock. Ganz genau, er hatte wieder einen! Ein bisschen verdattert wirkte der Vampir nun doch, aber anstatt in Panik auszubrechen oder schleunigst das Weite zu suchen, bat er lediglich höflich den Pflock beiseite zu legen. „DU BIST TOT!“ brüllte Lucas ihm entgegen und griff an. Doch eher er sich versah, klebte seine Wange bereits auf dem kühlen Steinboden. Er spürte ein Knie in seinem Kreuz und wie seine Arme schmerzhaft auf dem Rücken verdreht wurden. Der Pfahl wurde ihm auch kurzerhand entnommen.

Minuten später sass er auf dem Zweisitzer mit einem Kopf, der einer Paprika glich und erholte sich von der demütigenden Niederlage. Das Milchgesicht setzte sich, ohne zu fragen neben ihn. Am liebsten wäre er direkt aufgesprungen, denn er hielt die Anwesenheit desjenigen, der seine Katy hemmungslos *peep*t kaum aus!

„Du hast wirklich grosses Glück, dass du noch lebst, Lucas.“„Was du nicht sagst!“ gellte der Sim, „warum hast du mich eigentlich noch nicht gekillt, häh?! Was hast du stattdessen mit mir gemacht, du kranker Psychopath?! Willst du mich im Keller einsperren und wie ein Vieh als Plasmalieferanten halten?!“ Als Lucas dann auch noch mit seinem durchlöcherten Arm vor Calebs Gesicht rumfuchtelte, schien der für ein paar Sekunden verwirrt, doch dann musste er plötzlich auflachen. „Ach deswegen der Knoblauch und der Holzpfahl, du glaubst, ich wäre ein Vampir?“„Bist du ja auch!“„Du irrst.“„Willst du mich verarschen?! Natürlich bist du einer! Ich hab gesehen wie du damals…“„Ich bin kein Vampir, Lucas.“ unterbrach Katys ungemochter Liebhaber in ruhigem aber bestimmendem Tonfall, „nicht mehr.“

Der Bärtige beäugte ihn kritisch, er glaubt ihm kein Wort! Von wem sollte er sonst seine Verletzungen haben? Wieder streckte er Caleb den Arm unter die Nase, „und was ist damit?!“„Androctonus australis.“„Wer?! Wer ist dieser Schweinehund?! Etwa einer deiner Vampirfreunde?!“„Androctonus australis ist der giftigste Skorpion hier in der Gegend, seine Stiche enden erfahrungsgemäss tödlich.“ Als Caleb Lucas‘ geweitete Augen und sein sprachloses Gesicht sah, fügte er noch hinzu: „Keine Sorge, du bist über dem Berg, ich habe dir das Antiserum rechtzeitig injiziert.“

Das durfte doch nicht wahr sein! Hatte derjenige, den er vorher noch „töten“ wollte, ihm tatsächlich gerade das Leben gerettet? „Kommst dir wohl jetzt wie ein Superheld vor, was?!“ stichelte Lucas und musterte ihn abschätzig von oben bis unten, „wie eine Art Gott im weissen Kittel, hm?!“ Er wusste selbst wie blöd er sich gerade verhielt, aber er konnte nicht mehr zurückrudern, er war schon längst über das Ziel hinausgeschossen und das machte den Braten schliesslich auch nicht mehr fett, also: „Mag vielleicht Katy beeindrucken, aber sicher nicht mich! Duuu… Wichtigtuer du!“

„Und jetzt sag mir wo sie ist!“ Doch er wartete gar nicht erst eine Antwort ab, sondern sprang auf und beschloss im Haus selbst nach ihr zu sehen. Gerade als zur Balkontür reinstürmen wollte, wäre er beinahe mit Granny kollidiert. „Ich wollte mich nur erkundigen, ob du noch ein paar Kekse und Milch möchtest?“

„Wo ist Katy?!“ fragte der Sim ungehalten. „Katerina ist nicht hier.“ erklärte Caleb, der ebenfalls aufgestanden war und Lucas vorsichtshalber in Schach hielt.

„Lügner!“ Lucas wandte sich heftig, versuchte von ihm loszukommen, während er mehrmals Katys Namen ins Haus brüllte. „Katerina ist für mich einkaufen gegangen, da ich nicht mehr so gut zu Fuss bin.“ bestätigte die Greisin mit einer Stimme, die so einfühlsam und ruhig war, als würde sie ein verängstigtes Kind besänftigen wollen.

„Ihr wart also auf der Durchreise und als ihr ein paar Tage in StrangerVille verbrachtet, passierte ein bizarres Unglück und seither steckt ihr hier fest.“ resümierte Lucas der mit Caleb wieder auf der Bank sass, „ihr wohnt hier bei der Rentnerin in der Pension, weil das Motel eine Zumutung ist, und weil du Arzt bist und dir besonders cool vorkommst, hast du beschlossen zusammen mit den restlichen unfähigen Weisskitteln die Stadt vor dem Untergang zu bewahren.“„So in etwa.“ Caleb schmunzelte.

„Was ist hier eigentlich vorgefallen? Und was hat es mit den bizarren Pflanzen auf sich?“„Tut mir leid, aber darüber darf ich nicht sprechen.“ War ja klar. Jetzt fand Bleichgesicht offenbar, es sei an der Zeit Lucas ein paar Fragen zu stellen. Unteranderem wollte er wissen, warum er unter die Verschwörungstheoretiker gegangen ist und weswegen er so aufgebracht sei. „Ich hab meine Erinnerungen zurück.“ antwortete der mit dem Pastasieb auf dem Kopf. „Welche Erinnerungen?“„Na meine Erinnerungen, an Katy, an unsere gemeinsame Zeit!“ Doch der, der anscheinend kein Vampir mehr war, schaute weiterhin dümmlich drein. „Warte, du weisst es nicht?“ „Was?“„Was damals passiert ist?“

Er wusste tatsächlich nicht Bescheid. Ihm war nur bekannt, dass Katy die Beziehung zu ihrem Verlobten beendet hatte. Aber dass sie Lucas sämtliche Erinnerungen an sich gelöscht hatte, so als ob es sie nie gegeben hätte, davon hatte er keinen blassen Schimmer wie es schien. „Lucas?“ drang seine Stimme wie durch Watte in sein Gehör, als er eine ganze Weile still und in Gedanken versunken gewesen war. Er zwang sich in das Gesicht seines verhassten Gegners zu schauen und ihm fiel auf, dass seine Augen sehr an die von Daka erinnerten.

Er hatte beschlossen nicht zu erzählen, was Katy damals getan hatte. Er wollte keinen Staub aufwirbeln und das Milchgesicht nicht unnötig beunruhigen. Vielleicht gab es einen Grund, weshalb sie ihm nichts gesagt hat und Lucas wollte sie auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen. „Wie geht es ihr?“ verlangte er stattdessen zu erfahren. „Es geht ihr gut.“ versicherte Caleb. „Ist sie glücklich?“ Lucas sah ihn ernst an, und genauso ernst schaute Caleb zurück. „Ja.“

Das war sie. Er wusste es. Er hatte es ihr angesehen, als sie vorhin auf der Veranda gestanden hatte. Das Leuchten in ihren Augen, ihr Lächeln und wie sie sich gab. Sie wirkte froh und unbeschwert, als hätte sie ihren Platz im Leben gefunden. Und jemanden, mit dem sie es teilte. Er wäre gerne dieser Jemand gewesen. „Erzähl mir von ihr.“

Stolz und Hingabe sprachen aus jedem Calebs Worte und mit jedem weiteren erkannte Lucas, dass seine Katy nicht mehr die seine war. Seine Augen brannten vor Tränen. Ob es Schmerztränen waren, oder aber Tränen der Freude, der Erlösung und der Dankbarkeit, er wusste es nicht genau.

Er wusste nur, dass er jetzt genug gehört hatte, es war Zeit aufzubrechen. „Willst du denn gar nicht mit ihr reden?“ Caleb, der sich zeitgleich mit Lucas von der Bank erhoben hatte, klang überrascht über den plötzlichen Sinneswandel, „sie ist bestimmt bald zurück.“ Aber Lucas schüttelte nur den Kopf. Er griff in die bunt bemalte Schüssel, die ihn schon so lange anlächelte und nahm sich eine Handvoll Kekse. Einige schob er direkt in den Mund und spülte sie mit kalter Milch runter. „Soll ich Katerina etwas ausrichten?“ fragte Caleb der Lucas zum Fahrrad gefolgt war, doch wieder verneinte der. „Sag ihr am besten nicht, dass ich hier war.“

Der Verschwörungstheoretiker schwang sich aufs Rad und sah seinen einstigen Rivalen ein letztes Mal an. „Danke für das Antigift.“ Es war ein seltsames Gefühl, aber irgendwie auch befreiend als er diese Worte aussprach: „Ich wünsche Katy und Dir alles Gute für die Zukunft. Gibt auf sie Acht, sie ist etwas Besonderes.“ Sein Gegenüber nickte anerkennend. „Und grüss Granny von mir, die Kekse sind echt lecker.“ Dann trat er in die Pedale. Der Kies knirschte unter den Rädern und schwüler Fahrtwind schlug ihm entgegen…

Und plötzlich befand er sich direkt unter dem Hurricane, vor einem imposanten Gebäude an dem gross Das Geheimlabor prangte. Wie kam er hierher? Hatte er sich etwa verfahren? War das nicht eigentlich Sperrgebiet und topsecret? Warum stand denn hier niemand Wache? Wo war das ganze Militär? Es wirkte irgendwie verlassen, als hätte Sim sofort alles stehen und liegen gelassen und zwar nicht weil die Apokalypse ausbrach, sondern weil irgendwo eine abgefahrene Fete stieg. Wirklich bizarr… Was sich da wohl hinter den Türen verbarg? Ob sie wohl ein strenggeheimes, schiefgelaufenes Experiment im Untergeschoss versteckten?

Wohl kaum! Lucas schüttelte kichernd den Kopf, sowas gab es schliesslich nur im Film. Er sollte mal lieber schauen, dass er pünktlich am Treffpunkt ist, nicht dass er noch einen Zusammenschiss bekommt.

In der Zwischenzeit bei Daka

Der Kuss dauerte lange, länger als alle bisherigen Küsse. Auch war er nicht so wild und weniger unbeherrscht, aber ebenfalls voller Leidenschaft. Daka schmolz regelrecht dahin. Doch dann unterbrach er die Verbindung.

Und erinnerte an Jamilas und Lucas‘ Verschwinden. Mist! Die beiden hätte sie beinahe vergessen!

„Ich fliege zu Katys Adresse!“ meinte Dakaria vor dem Motel und liess sich von ihm ihre Offiziersmütze zurechtrücken. „Gut, ich schaue im Saloon nach Jamila.“ sagte er, während sie ihm den Kragen glattstrich. Doch gerade als beide losziehen wollten, kam einer der Vermissten angeradelt. „Lucas!“ fuhr Daka ihn direkt an, „wo warst du?!“

„Ich kann nicht fassen dass du wieder auf eigene Faust losgezogen bist!“ tadelte sie ihn, als er ihr von seinem kleinen Ausflug berichtete. Sie wollte ihre Schimpftriade über sein unverantwortliches Verhalten gerade fortsetzen, als Igors Herrchen zurückkehrte und die beiden darüber informierte, dass er Jamila im Saloon nicht ausfindig machen konnte. Im selben Atemzug erhielt Dakaria eine Textnachricht von ihrer besten Freundin, in der stand, dass sie nicht auf sie warten sollen und dass sie die Nacht in StrangerVille verbringen würde.

Im Anhang ein Bild, dass sie und ein paar Shirt-lose Soldaten zeigte, mit haufenweisen Drinks in den Händen und etwas riesigem, Bizarrem im Hintergrund was aber weder Daka noch Lucas deuten konnte. Einzig der Wissenschaftler brachte einen erschrockenen Laut hervor und schlug sich die Hand vor den Mund.

Die Grenzen waren mittlerweile dicht und wenn Sim sich nicht zufälligerweise wie Daka in eine Fledermaus verwandeln und über den Stachelzaun fliegen konnte, dann musste er die Nacht hier in der bizarren Wüstenstadt verbringen. Für Lucas war im Motel glücklicherweise noch eine geräumige Besenkammer frei und Dakaria, die ihre beiden Freunde gewiss nicht hier zurückliess, musste sich ebenfalls keine Gedanken machen, wo sie sich heute Nacht bettete.

Als Lucas sich zurückgezogen hatte, verbrachten die beiden Verliebten und ihr Hund den Rest des Abends damit, die Anwesenheit des anderen zu geniessen, bis die Sonne sich dem Untergang neigte und sich ihnen ein atemberaubendes Farbenspektakel am Horizont bot.

In Momenten wie diesen fühlte sich Dakaria immer noch ein wenig nervös in seiner Gegenwart. Vor allem, da sie nicht wusste, ob sie etwas falsch machte. Das alles war neu für sie und bestimmt verhielt sie sich furchtbar dusselig. Er musste ihre Unsicherheit gespürt haben, denn er nahm ihre Hand und drückte sie zärtlich.

Woraufhin Daka wie von selbst ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Aber sie waren schön, diese Momente und sie war froh ihn an ihrer Seite zu haben. Anders als vorher, genoss sie das unbeschreibliche Gefühl, dass sie erfüllte. Es fühlte sich einfach gut und richtig an.

Aber nicht für alle…

Erst als die Dunkelheit bereits weit fortgeschritten war, begaben sie sich zum Motel. Vom Militärgelände dröhnte unterdessen laute Musik und ein noch lauterer Bass. Bizarr. Auf Dakas Frage, ob die jede Nacht so Party veranstalteten, verneinte er und meinte, dass heute wohl etwas Besonderes los sei. Nach einer Dusche mit kaltem Wasser, denn etwas anderes gab es hier nicht, und nachdem sie ein frisches Hemd von ihm ausgeliehen bekommen hatte, lagen sie schweigend nebeneinander im Bett und sahen sich an. Ihre Hand, wenngleich etwas schüchtern, suchte unter der Bettdecke die seine und ihre Finger verschränkten sich ineinander. Bald darauf nickten beide ein.

Die Laute Musik störte sie dabei nicht, genauso wenig wie der Hund, der, als Frauchen und Herrchen tief und fest schliefen, aufs Bett sprang und es sich zwischen ihnen auf dem Duvet gemütlich machte.

Am Morgen wurde Dakaria von einem Geräusch geweckt. Sie blinzelte verschlafen, es klang wie ein Schnarchen. Den Übeltäter hatte sie schnell festgemacht, es war der Hund, der irgendwo am Bettende vor sich hin sägte. Es war noch sehr früh, die Morgendämmerung hatte erst eingesetzt, trotzdem fühlte sie sich so ausgeruht wie schon lange nicht mehr. Sie wollte sich gerade ausgiebig strecken, als sie plötzlich etwas Warmes an ihrem Rücken spürte. Es war ein Oberkörper. Sein Oberkörper. Scharf zog sie die Luft ein und erstarrte in der Bewegung. Sie fühlte wie sein Brustkorb sich langsam hob und senkte. Einen Arm hatte er über ihre Hüfte gelegt, der andere ruhte unter ihrem Kopf. Sein Atem kitzelte ihren Nacken und sie bekam unwillkürlich eine Gänsehaut. Daka atmete ruhig durch, bevor sie vorsichtig den Kopf drehte und ihn ansah. Ein ungewohntes Glücksgefühl durchströmte sie. Sie könnte sich wirklich daran gewöhnen, künftig öfters so aufzuwachen.

Mit Bedauern schob sie behutsam seinen Arm von sich runter und stieg aus dem Bett. Bevor sie auf leisen Sohlen ins Bad verschwand, schaute sie sich nochmal nach dem Schlafendem um.

„Ich liebe dich auch.“

Als firschgebackene Hundemami hatte die junge Vampirin natürlich neue Verpflichtungen, wie z.B. Gassi gehen. Die Morgenrunde drehte sie in der Nähe des Parks, natürlich wieder als Offizierin getarnt.

Das Städtchen schien noch im Schlaf zu liegen, denn bis auf wenige Forscher begegnete sie niemandem, doch im Park traf sie überraschend auf ein bekanntes Gesicht. „Wem hast du denn den Hund entwendet?“ scherzte Lucas schon von weitem und bedeutete ihr, sich zu ihm zu setzten. „Du strahlst ja heller als Helios!“ neckte er weiter und streichelte kurz über den Hundekopf, „ist irgendwas passiert, oder ist es einfach nur die Freude mich zu sehen?“„Warum bist du denn schon so früh auf?“ stellte sie ihm eine Gegenfrage und versuchte ihr Dauergrinsen zu unterdrücken.

„Ach, ich konnte nicht schlafen. Irgendwelche BlödSims haben bis gerade eben Party gemacht.“ erklärte er, „wo ist Jamila?“ Das wüsste sie auch gern. Daka hatte sie vorhin angerufen, um ihr zu sagen, dass sie sich bitte möglichst bald zum Treffpunkt bequemen solle, damit Igors Herrchen sie alle drei wieder über die Grenze bringen konnte. Doch sie hatte ihre Freundin am anderen Ende überhaupt nicht gehört, sondern nur laute Musik, die im Hintergrund spielte.

„Wie war es eigentlich bei Katerina?“ wechselte die Brünette das Thema. „Ich hab sie nicht gesprochen.“„Was? Aber du warst doch bei ihr?“„Ich hab sie nur gesehen, von Weitem. Sie soll nichts von meinem Auftauchen erfahren.„Aber ich dachte du wolltest… was wolltest du eigentlich von ihr?“ Lucas zuckte mit den Schultern und tat einen tiefen Seufzer, bevor er antwortete: „Ehrlich gesagt weiss ich es nicht mal, Daka.“ Wie, er wusste es nicht? Seit Tagen sprach von nichts anderem mehr, war wie besessen davon, seine Katy zu finden, setzte dabei Himmel und Hölle in Bewegung und riskierte sogar noch mehrmals sein Leben, nur um dann, wenn er endlich die Gelegenheit dazu hatte, nicht mit ihr zu sprechen?! Was stimmte bloss nicht mit ihm?!

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fuhr er fort: „Erst wollte ich sie zur Rede stellen aber… als ich sie gesehen habe da… Ich wollte einfach keine alten Wunden aufreissen… Schätze ich wollte sie einfach nur noch einmal sehen. Sehen, dass es ihr gut geht und dass sie… glücklich ist… Das ist alles.“„Das ist alles?“ wiederholte die Vampirin mit erhobener Augenbraue. „Na gut, erst wollte ich noch ihren Typen erdolchen,“ gestand er, wobei er das letzte Wort jeweils mit zwei Fingern in Gänsefüsschen setzte, „aber er hat mich überwältig und dann hat sich herausgestellt, dass er gar kein Vampir mehr ist.“„Du solltest wirklich aufhören einen auf Vampirjäger zu machen!“ sagte sie entsetzt und blickte ihn verärgert an, worauf Lucas lachte und ihr zustimmte.

„Und, wie geht’s dir jetzt?“„Ging mir schon besser.“ Daka fühlte sich mit einem Mal äusserst unbehaglich und irgendwie schuldig. „Es tut mir leid, ich hätte dir die Erinnerungen nicht zurückgeben dürfen…“ versuchte sie irgendetwas wiedergutzumachen. „Nein, ich bin froh hast du es gemacht.“ widersprach er, „Katy gehört zwar nicht mehr zu mir, aber ich will sie und unsere gemeinsame Zeit immer Erinnerungen behalten.“ Er sah verträumt aus, als er seinen Blick in die Ferne richtete. „Unsere erste Begegnung zum Beispiel. Unsere erste Verabredung oder unser erster Kuss. Ich will das alles zurückrufen können, wann immer mir danach ist. Erinnerungen sind wichtig, denn manchmal bleibt einem nichts anderes mehr.“ Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem feinen Lächeln, das hatte er irgendwie schön gesagt.

Nach einer kleinen Pause schaute er sie wieder an und fragte: „Was ist mit dir? Hast du Neuigkeiten bezüglich deiner leiblichen Eltern?“ Zugegeben, daran hatte sie schon gar nicht mehr gedacht. Zumindest nicht in den letzten 48 Stunden. Tatsächlich hatten sich andere, wichtigere Dinge in den Vordergrund geschoben. Zum Beispiel, dass Lucas endlich Frieden finden möge. Und natürlich diese Sache mit Igors Herrchen… Sie spürte wie sie wieder rot wurde und unkontrolliert grinsen musste. „Nein,“ räusperte sie sich deshalb schnell, „aber ich werde bald wieder nach Forgotten Hollow reisen und weitere Recherche betreiben.“

„Viel Erfolg.“„Danke Lucas. Und danke auch für deine Hilfe, ohne dich hätte ich es nie nach Forgotten Hollow geschafft.“„Und ohne dich hätte ich Katy nie wiedergefunden.“ entgegnete er, dabei hatte er ihr kumpelhaft auf die Schulter geklopft, „wir sind schon ein gutes Team, oder?!“ Sie gab ihm Recht, musste sich aber gleichzeitig ein Lachen verkneifen. „Ach übrigens, tut mir leid, dass ich dich ein Miststück genannt habe, war nicht so gemeint.“ Er zwinkerte und Dakaria stupste ihn leicht mit der Schulter an, „schon gut.“

Dann stand er auf, „jetzt muss ich aber los.“ Auch Daka hatte sich erhoben, „ich dachte wir gehen alle zusammen?“„Ich muss mich beeilen, muss noch packen.“ Die Vampirin erfuhr, dass er heute Abend noch nach Sulani aufbrechen würde. „Ich muss einfach mal raus, den Kopf freikriegen, nach vorn blicken, einen Neuanfang starten… genau wie du gesagt hast.“„Oh…“ war alles was Dakaria hevorbringen konnte. Das kam irgendwie plötzlich. „Komm mich doch besuchen,“ schlug der Aluhut-Träger vor und grinste in seiner gewohnten aufheiternden Art, „du und Jamila, würde mich freuen.“ Sie lächelte schief, „mal schauen.“„Ach komm, wird bestimmt lustig!“

Dann nahm er sie in den Arm. „Drück auch Jamila von mir.“„Das werde ich.“ meinte Daka und erwiderte seine Umarmung, „pass auf dich auf, Lucas.“

Währenddessen zog sich auch vor dem Motel eine Herzzerreissende Szene ab. Die Ehefrau hatte ihrem Ehemann vor der Tür abgepasst, um ihm einerseits zu berichten, dass es einigen besoffenen Soldaten und einer Zivilistin gelungen war einen Durchbruch zu erzielen, betreffend des bizarren Rätsels um StrangerVille und anderseits, um sich bei ihm für ihren gestrigen unangemessenen Auftritt zu entschuldigen. Nach einem kurzen Wortgefecht, marschierte er fluchtartig über den Parkplatz. Sie natürlich hinterher.

Auf Spanisch redete sie auf ihn ein und drückte kräftig auf die Tränendrüse. Aber er blieb einfach nicht stehen, also umklammerte sie seinen Arm und liess sich einfach auf die Knie fallen, so dass er stehen bleiben musste, um sie nicht hinter sich her zu schleifen. „Das zwischen uns ist etwas Besonders! Du darfst das nicht wegwerfen!“ rief sie laut, so dass sich einige Passanten verdutzt nach ihnen umsahen. „Steh auf, Herrgott nochmal!“ zischte er mit schamroten Wangen und zerrte sie zurück auf die Füsse. Ihre Hose war bis zu den Knien voller roter Sand.

„Was ist nur los mit dir?!“„Ich liebe dich!“ schluchzte sie, „du darfst uns nicht aufgeben!“ „Es ist vorbei, akzeptiere es!“„Nein! Wir gehören zusammen! Bis dass der Tod uns scheidet, weisst du nicht mehr?!“

„Unterschreib endlich die Scheidungspapiere!“ Er wollte sich abwenden, aber sie klammerte sich erneut an ihn und brach wieder in die Knie und in Tränen aus. Ihr ganzes Make-up war verschmiert, sie sah wirklich bemitleidenswert aus…

Für Aussenstehende zumindest. „Lass das jetzt und steh auf!“ Wieder wollte er sie hochziehen, doch diesmal schrie sie auf und wehrte sich bockig. Ein paar Sekunden stand er seufzend neben der am Boden kauernden Simin und strich sich ratlos durch die Haare. „Unterschreib die Scheidungspapiere, Marisol.“ sagte er schliesslich ruhig und besonnen, „zu deinem eigenen Besten.“ Danach ging er. Sie sass dort noch eine ganze Weile und weinte bis ihr Kopf schmerzte und sie keine einzige Träne mehr zu vergiessen hatte.

Dann stand sie auf, zupfte ihren Kittel zurecht und wischte sich mit dem Ärmel energisch die Tränen aus dem Gesicht, wobei sie noch mehr Mascara verschmierte. „Oh no mi amor,“ murmelte sie, „esto no se ha acabado.“

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