Kapitel 27

Father – II

verfasst: 26.08.2020

Dakaria hatte endlich den Namen ihres Vaters bekommen, jedoch gab ihr das Verhalten ihres vampirischen Gegenübers gerade mehr zu denken. Ms Vatore zuckte wie vom Schlag getroffen zusammen, schien für ein paar Sekunden völlig verwirrt und stammelte irgendwelche unverständlichen Worte. Dann schaute sie mehrmals auf ihre Hände und Arme herab, so als wollte sie sich vergewissern, ob alles noch dran war, nur um dann laut zu lachen, als hätte jemand einen genialen Witz erzählt.

Daka stiess den verletzten Vampir von sich, direkt in die Arme seiner Mutter, die ihn dann aber ebenfalls energisch von sich schob, weil er ihre Kleider mit seinem Blut bekleckerte.

„Caleb?“ wiederholte Dakaria und sah stirnrunzelnd die Pinkäugige an, „Caleb Vatore?“„Mein Bruder.“„Also sind Sie… bist du meine… Tante?“ – „Wow, du bist ja eine richtige Blitzmerkerin! Ich sag dir eins, kleine Hell, nur weil du das Erzeugnis meines Bruders bist, sind wir noch lange keine Familie, klar?!“„WTF?!“ rief Elijah aus, der es unterdessen aufs Canapé geschafft hatte und sich von den Strapazen erholte, als die Information auch endlich sein Hirn erreicht hatte.

„Ich hab meine Cousine angemacht?!“ angewidert spuckte er vor sich auf den Spannteppich.

„Was macht ihr denn schon wieder da?!“ Ava und ihr Kumpel standen auf einmal wieder in der Stube. „Ihr sollt doch oben bleiben!“„Ich möchte Marvin meine Voidkreaturen-Sammlung zeigen, Grandma.“

„Und dann wollen wir uns auf SimFlix die neue Staffel von Henry Puffer ansehen.“„Henry Puffer?“ Lilith überlegte kurz. „Hey du da, Hexenjunges!“ rief sie dann den rothaarigen Buben gleich zu sich, ohne weiter auf ihre Enkelin einzugehen. „Ja Ma’am?“„Kennst du dich mit Flüchen aus?“

„Soll das etwa bedeuten, der Fluch wird automatisch aufgehoben, sobald der, der ihn ausgesprochen hat, stirbt?“„Ja Ma’am.“„Was für ein bescheuertes und unausgereiftes Hexenwerk soll das denn sein?! Der Typ war schon damals mehr tot als irgendetwas anderes! Und meines Wissens sind Magier nicht unsterblich!“„Nein Ma’am.“„Also habe ich die ganzen Jahrzehnte lang umsonst in Angst und Schrecken gelebt?!“

„Wobei ich natürlich nie wirklich Angst hatte!“ In einer stolzen Geste warf sich die Vampirin die Haare über die Schulter und streckte die Brust raus. „Tz, das beweist mal wieder, wie zweitklassig Zauberer und ihre Fähigkeiten sind. Nimms nicht persönlich, Merlin.“„Marvin, Ma‘am.“„Von mir aus.“„Können wir jetzt bitte wieder zum Thema kommen?“ mischte sich Dakaria, die bei dem ganzen Fluch-Gerede nur Bahnhof verstand, ungeduldig in die Unterhaltung ein, „wo ist mein Vater jetzt?“

„Du glaubst doch hoffentlich nicht allen Ernstes, dass ich dir das jetzt verrate, nachdem was du eben geboten hast!“ fauchte ihre Tante mit einem Anflug Feindseligkeit in der Stimme. „Caleb? Na der ist Zuhause, in der Eisenhutvilla.“ verriet ihr Cousin, der sich von Marvin gerade das „Ketchup“ von seinem Shirt wegzaubern liess, woraufhin er von seiner Mutter einen Blick kassierte, unter dem andere sofort tot umgefallen wären.

„Die halbe Portion hier ist echt nützlich!“ grinste er, „so einen will ich auch.“

Mit Daka im Schlepptau, blieb die Schwarzhaarige vor der Haustür der Eisenhutvilla stehen. „Am besten wartest du hier draussen, ich werde meinen Bruder über deinen geschätzten Besuch informieren, Nichte.“ Die falsche Höflichkeit überlagerte ihren Zorn. „Ich würde lieber direkt mitreinkommen, nicht dass du mich noch vergisst, Tante.“ entgegnete Dakaria, mit einem ebenso unechten Lächeln.

„Weisst du, ich mag dich nicht leiden.“ gab Ms Vatore zu, „du bist ganz schön überheblich für jemanden der gerade meinen Sohn umbringen wollte!“„Ich hoffe dass wir bald die Gelegenheit haben, uns ein wenig näher kennen zu lernen, Lilith, damit ich dir auch meine positiven Seiten zeigen kann.“

„Ich hatte übrigens nie die Absicht jemanden umzubringen, und schon gar nicht Avas Vater und deinen Sohn.“ Ihr Gegenüber erwiderte nichts, aber Daka konnte deutlich erkennen, wie ihr Kiefer malte. Lilith führte den ungebetenen Gast in die Küche und verschwand dann in den oberen Stockwerken. Es dauerte. Die junge Vampirin wurde zunehmend unruhig. Furchtbar nervös. Gleich würde sie ihrem leiblichen Vater gegenüberstehen.

Wie würde er reagieren? Würde er sie mit offenen Armen empfangen? Würde er sie ablehnen? Wusste er überhaupt von ihrer Existenz? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sie doch längst kontaktiert? Oder er hatte sich ganz einfach nie für sie interessiert. Warum hätte er sonst zugelassen, dass Miss Hell sie als Baby weggab? Was bloss, sollte sie gleich zu ihm sagen? Was würde er sich wohl denken, wenn sie hier so plötzlich auftauchte? So viele Fragen schossen ihr durch den Kopf, dass ihr schon ganz schwindlig wurde. Und auf einmal stand Ms Vatore wieder in der Küche und sie war nicht allein.

Sichtlich unwillig stellte sie Tochter und Vater einander vor. Der, der sich hinter Lilith aufgehalten hatte, schob sich jetzt vor sie, um Dakaria besser sehen zu können. Dakas Herz schlug heftig in ihrer Brust. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. Er hatte genau wie sie, dunkelbraunes Haar, helle Haut und graue Augen. Ein hübsches Gesicht, dass im Moment jedoch nur absolute Fassungslosigkeit ausstrahlte.

Sie erinnerte sich, auch ihn auf einigen der Gemälde gesehen zu haben, vorhin im Straud-Anwesen. Aber etwas war komisch an ihm… Er war kein Vampir… wie… wie war das möglich? Da fiel ihr ein, sie war ja noch in ihrer Vampirform!

Doch selbst jetzt, wo sie sein Ebenbild darstellte, blieb still im Raum. Zu still. Keiner rührte sich und niemand sagte ein Wort. Nicht mal ein Atmen war zu hören. Nichts, nur Stille. Dakaria versuchte zu sprechen, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie sagen sollte, aber Hauptsache jemand brach endlich diese entsetzliche Stille. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, bis auf einmal die Brünette, die bisher kaum aufgefallen war, hervortrat und sie freundlich anlächelte. „Sul Dakaria, freut mich dich kennen zu lernen, ich bin Kate.“

Kate? Daka dachte nach. Kate wie… Katerina? Lucas Katy? Seine Ex-Verlobte?! Warte… was?! „Caleb, möchtest du nicht deine Tochter begrüssen?“ wandte sie sich Dakarias Vater zu, der zur Salzsäule erstarrt war und ein paar Mal blinzelte, als würde er aus einer Art Trance erwachen. Alle möglichen Emotionen spiegelten sich auf seinem Gesicht wider. Er schnappte nach Luft und seine Lippen bewegten sich, aber er brachte nur unverständliches Nuscheln zustande. „Caleb.“ sprach Katerina ihn behutsam an und ging zu ihm, um ihm ihre Hand auf den Arm zu legen, doch er ignorierte sie und sah stattdessen eine Schwester mit harter Miene an. „Ich konnte es dir nicht sagen, ich stand unter einem Fluch!“ äusserte Lilith hastig, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte.

Und dann, ohne Kate oder seiner Tochter eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und verliess den Raum. Katerina rief ihm nach, doch es war zwecklos. Er hörte sie nicht, oder wollte sie nicht hören. Ein schmerzhafter Stich durchfuhr Dakaria, so sehr erinnerte er sie gerade an ihren Ziehvater Derek und seiner immerzu ablehnenden Haltung ihr gegenüber.

Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Lilith und Kate starrten sie an, als wäre sie von einem anderen Planeten. Es war ihr unangenehm. Es war ihr unerträglich. Sie musste hier raus. Ihren Blick starr auf den Boden gerichtet, machte sie sich auf Richtung Haustür. „Nimm es ihm nicht übel, bitte.“ hielt Kate sie auf halbem Wege auf, „ich werde mit ihm reden.“

Aber Dakaria schüttelte, ohne sie richtig anzusehen, den Kopf. „Nicht nötig, ich hab schon verstanden, er will nichts mit mir zu tun haben.“„Nein, so ist das nicht.“ Daka riss die Tür auf und trat ins Freie. Doch die andere Brünette war ihr dicht auf den Fersen und als sie ihren zweiten Schatten langsam satthatte, fuhr sie herum: „Was ist denn noch?!“

„Ich möchte dir helfen Dakaria. Dir und deinem Vater.“„Hast du das gerade nicht mitbekommen? Er hat kein Interesse Daddy zu spielen!“„Doch. Er braucht nur Zeit.“„Ach ja? Und das weisst du woher so genau?“„Ich kenne ihn.“„Ach so, du kennst ihn.“ Kurz lachte Daka abschätzig auf. „Weisst du Kate – oder sollte ich besser sagen Katy – ich hab schon einiges von dir gehört und das war überwiegend nur schlechtes.“

„Du bist doch noch gar nicht solange ein Vampir, oder? Und kennst meinen Erzeuger auch erst seit 2 oder 3 Jahren, oder? Tja, weisst du was, in einem Vampirleben ist das gar nichts! Oder glaubst du, nur weil du ihn *peep*st würdest du ihn kennen?“„Das stimmt, ich bin noch nicht lange ein Vampir und ich kenne deinen Vater auch noch nicht so lange.“ antwortete Kate wiedererwartet ruhig und besass auch noch die Dreistigkeit, dabei zu lächeln. „Aber ich kenne ihn gut genug, damit ich schon jetzt sagen kann, dass ihr beiden euch ziemlich ähnlich seid und damit meine ich nicht nur das Äusserliche.“

„So? Was denn zum Beispiel?“„Eure Sturheit zum Bespiel, oder das Weglaufen, wenn euch was unangenehm ist.“ Dakaria war empört. Was fiel der eigentlich ein, über sie zu urteilen? Sie kannte sie noch keine 10 Minuten! Am liebsten hätte sie zurückgeschossen, ihr gesagt was sie doch für eine miese, egoistische BlödSimin wäre, die Lucas einfach so für ihre Zwecke manipulier hatte! Aber dann fiel ihr ein, dass sie ja eigentlich keinen Deut besser war. Und dass es Lucas‘ Wunsch war, dass Katy nicht erfahren sollte, dass er sein Gedächtnis wiedererlangt- und nach ihr gesucht hatte.

Also schnaubte Dakaria bloss, machte auf dem Absatz kehrt und liess Kate stehen. Sie stob sogar in übernatürlichem Tempo davon. Sie hatte genug. Genug von Kate. Genug von ihrer Tante und genug von ihrem Vater. Er will sie nicht? Gut. Seine Entscheidung. Sie brauchte ihn auch nicht. Ziellos irrte sie eine Weile durch den Wald von Forgotten Hollow. Zum Glück war ihr diese nervige Kate nicht gefolgt. So hatte sie sich das wirklich nicht vorgestellt… Aber was genau, hatte sie sich eigentlich vorgestellt? Was hatte sie erwartet? Jedenfalls nicht eine solche Blamage. Sie hatte sich zur absoluten Närrin gemacht.

Was sollte sie jetzt tun? Sollte sie es vergessen? Verdrängen? So tun als hätte es dieses peinliche Treffen mit ihrem Erzeuger gar nie gegeben? So tun als wäre sie gar nie nach Forgotten Hollow gekommen?

Es war dunkel geworden. Der Schnee glitzerte wie Kristall unter dem Mondlicht. Eine Eule sang ihr einsames Nachtlied und auch Dakaria fühlte sich auf einem Mal einsam und verlassen. Sie hätte gerne jemanden zum Reden gehabt. Aber weder Jamila noch Igors Herrchen nahm ihren Anruf entgegen. Sie zögerte erst, aber sie wollte jetzt ihre Mama sehen. So unbedingt! Also fasste sie sich ein Herz und reiste nach all den Monaten zurück nach Willow Creek. Sie klingelte, doch keiner holte sie herein.

Als sie sich vergewissert hatte, dass niemand Zuhause war, setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe in den Schnee, um die Ankunft ihrer Zieheltern zu erwarten. Aber niemand kam. Sie blieben allein, sich selbst und ihrem Erinnerungen überlassen. Daka bereute die harten Worte, die sie Veronica zuletzt entgegengeschleudert hatte. Sie konnte ihr Gesicht vor ihren Augen sehen, hörte ihre Stimme. Ihr entsetzliches Weinen. Auch Dakaria kämpfte grade hart gegen die Tränen an. Am liebsten würde sie die Zeit zurückdrehen. Am liebsten hätte sie, Elle und Marcel wären gar nie aufgetaucht, hätten ihr gar nie von Miss Hell berichtet. Dann wäre alles noch so wie vorher. Aber das war es nicht. Sie hatte nicht nur ihre leiblichen Eltern verloren, sondern auch ihre Adoptiveltern.   

Nächster Morgen

„Du hattest Recht. Ich hätte nie nach Forgotten Hollow reisen und nach meinem Vater suchen sollen. Das war alles Zeitverschwendung. Ich hätte einfach so weitermachen sollen wie bisher.“

Traurig liess die junge Vampirin die Schultern hängen. Sie sass völlig zusammengesunken auf der Couch. „Nicht doch.“ Jamila nahm sie einen Momentlang in den Arm und beruhigte sie. „Ist doch verständlich, dass du Antworten wolltest. Ich glaub ich hätte dasselbe gemacht. Und mal for real, wenn dein Dad so eine tolle, hübsche, süsse, smarte, starke und hotte Tochter nicht will, dann hat er dich auch nicht verdient!“

Dakarias Augen wurden wässerig, aber sie konnte gleichzeitig das Lächeln nicht zurückhalten, dass sich nun vor Rührung in ihr Gesicht stahl. „Na siehst du, so gefällst du mir schon besser!“ – „Es ist nicht nur das.“ gestand die Brünette bitter. „Ich hab alles kaputt gemacht. Veronica hasst mich.“„Bullshit!“ reagierte Jamila Kopfschüttelnd, so dass ihre Ohrstecker nur so schepperten, „Veronica hasst dich doch nicht!“„Und wo ist sie dann? Wieso ist sie nicht Zuhause? Wieso meldet sie sich nicht?“„Na, vielleicht sonnt sie grad ihren vampirblassen Body am Beach von Sulani? Oder denkst du, die sitzt Tag und Nacht vor dem Phone und wartet nur darauf, dass Madame Undankbar wieder zur Besinnung kommt und sich meldet? Hell no! Sie hat auch noch n‘ Leben!“

„Und meine Praxis?“ jammerte die Tierärztin weiter, „die steht vor dem Aus. Ich weiss nicht, wie ich die Rechnungen bezahlen soll.“„Das mit deinem Tiersalon wird auch wieder.“ Jamila tätschelte ihr aufmuntern die Schulter und versicherte ihr, dass sie ihr gerne unter die Arme greifen würde. Doch Daka wusste, dass sie dazu nicht in der Lage war, da sie stets über ihre finanziellen Möglichkeiten lebte. „Aber dein Boy hat doch jetzt Kohle ohne Ende!“ kam es der Kurzhaarigen in den Sinn, „wo steckt der überhaupt? Der sollte eigentlich jetzt hier sitzen und dich trösten!“

Ja, wo war er? Dakaria hatte ihn seit dem Tag seiner Abreise weder gesehen noch gesprochen. 2 Tage sind seither vergangen. Sein Handy war aus. Nicht verwunderlich, sie konnte sich schon denken, dass seine Ex ihn weiterhin mit Anrufen terrorisierte. Trotzdem hätte er sich mal bei ihr melden können. Sie standen sich mittlerweile doch nahe genug. Oder? War er jetzt nicht sowas wie ihr… nun ja, Boy? Die Funkstille stimmte die Vampirin nachdenklich. Das passte gar nicht zu ihm.

Seine Ex… Zwar hatte er mehrmals vehement behauptet, das Kapitel sei für ihn abgeschlossen, aber war es das wirklich? Vielleicht hatten sie sich ausgesprochen? Sich wieder vertragen? „CRAP!“ entschlüpfte es ihrer Freundin jäh, so dass Daka vor Schreck zusammenzuckte. „Ich wusste doch, ich hab was vergessen! Ich muss ja heute arbeiten!“

„Geh nur.“ sagte Dakaria, als sie Jamilas verlegenen Blick bemerkte, „ich komme schon klar.“ Bevor ihre BF hastig aus dem Haus floh, umarmte sie die Brünette nochmal, drückte ihr ein Bussi auf die Wange und versprach ihr, heute Abend wieder nach ihr zu sehen.

Daka sass noch eine Zeitlang auf dem Sofa und starrte grübelnd ins Kaminfeuer. Sie hatte nochmal versucht ihren Partner zu erreichen. Vergeblich. Und auch ihre Mama nahm nicht ab. Seufzend liess sie sich in die Kissen sinken, doch keine Minute später, liess sie die Türklingel wieder hochfahren und von der Couch springen. Wer konnte das sein? Veronica? Ihr Freund? Sie hetzte zur Tür und konnte den Schlüssel gar nicht schnell genug umdrehen, doch dann…

Stand ihr lediglich diese Kate gegenüber. Und sie hatte dieses „das Leben ist ja so schön“ Lächeln im Gesicht, das Daka gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte. Sie ignorierte ihre Begrüssung. Am liebsten hätte sie ihr direkt die Tür vor der Nase zugeknallt, doch ihre Neugier war stärker und so fragte sie grob: „Was willst du denn hier?! Wie hast du mich gefunden und woher weisst du wo ich wohne?!“

„Durch einen Lokalisierungszauber.“

Kate schmunzelte, angesichts Dakas Gesichtsausdruck und erklärte: „Dazu braucht es einen fähigen Magier und das Blut eines Blutsverwandten.“

Mit einer Kopfbewegung deutete sie schräg hinter sich. Dort, unter einem Baum, fielen einzelne Sonnenstrahlen auf Caleb. Dakarias Vater.

Ihr Körper verkrampfte sich, als Kate ihn zu sich winkte. „Wieso geht ihr nicht ein paar Schritte?“ schlug sie vor, als er, ebenfalls ganz verkrampft, vor den beiden Vampirinnen zum Stehen kam und nickte ihm ermutigend zu. Und zum aller ersten Mal hörte Daka seine Stimme: „Sul Sul… Dakaria… wie geht es dir?“ Sie klang so wohltuend, warm und freundlich, dass sie beinahe ihren Zorn auf ihn vergass. „Das hat dich die letzten 177 Jahre doch auch nicht interessiert!“ zischte sie als sie sich wieder gefangen hatte.

Irgendwie wollte das Gespräch nicht so recht in Gang kommen. Beide warteten darauf, dass der jeweils andere den Anfang machte und so waren sie die ganze Zeit schweigend nebeneinander hergegangen. Nur das Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen war zu hören und das Plätschern des Wasserfalls, als ihr Weg am Ufer eines kleinen Sees endete. Ihr Vater betrachtete sie neugierig, während sie ihn zu ignorieren versuchte und als sie seinen durchdringenden Blick schliesslich nicht mehr länger ertragen konnte, blaffte sie ihn an: „Bist du nur hergekommen, um mich anzuglotzen?!“

Das klang aggressiver als es eigentlich klingen sollte, aber ihre Gefühle waren seit gestern in Aufruhr. Enttäuschung, Scham, Sehnsucht, Trauer und nicht zuletzt Wut. Aber er war nicht der einzige Schuldige. „Tut mir leid.“ murmelte sie. „Nein, mir tut es leid… Mein gestriges Verhalten tut mir leid. Ich war… überfordert.“„Überfordert?“„Ich hatte ja keine Ahnung…“„Miss Hell hat dir nie von mir erzählt?“„Sie hat nie viel von sich erzählt.“„Wie kann das sein, ihr wart doch zusammen?“„Nein!“ widersprach er sofort und wirkte verstimmt, „das war nur eine Affäre. Ein Fehler.“„Ein Fehler?“ Dakaria rang um Fassung, „ich bin also auch nur ein Fehler?“

„Nein, so meinte ich das nicht!“ beeilte er sich zu sagen, „gestern als ich dich in der Küche sah, da dachte ich wirklich einen Augenblicklang, sie würde vor mir stehen… Deine Mutter.“„Hast du sie gehasst?“ Er gab keine Antwort. „Verstehe… So wie alle anderen auch… Alle haben sie gehasst…“ Irgendwie schmerzte diese Erkenntnis. „Es ist wahr, sie hat sich in all den Jahrtausenden mehr Feinde als Freunde gemacht. Und ich erinnere mich ungern an die Zeit mit ihr… Ehrlich gesagt, versuche ich das alles zu verdrängen.“„Warum?“

„Ich habe ihr immer die Schuld daran gegeben, mich nicht nur zu einem Vampir, sondern auch zu einem Monster gemacht zu haben.“„Du kommst mir nicht gerade wie ein Monster vor.“ bemerkte Daka reserviert. „Glaub mir, das war ich…“ Einen Moment lang schwieg er und schaute sinnend ins Leere, bevor er seine Tochter wieder ansah und milde lächelnd hinzufügte: „Aber gehasst habe ich deine Mutter nicht.“ Sie wiederum betrachtete ihn eine Weile nachdenklich und wollte dann wissen: „Wie kommt es, dass du kein Vampir mehr bist?“„Das ist eine längere Geschichte.“ Dakaria stellte sich bequem hin und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab Zeit.“

Er nickte, sah aber nicht sehr glücklich aus und kämpfte eine Weile mit sich. Schliesslich atmete er tief durch und begann seine Geschichte.

Er erzählte ihr vom kleinen Dorf Forgotten Hollow.

Davon dass es vor 200 Jahren fast komplett niederbrannte, weil einige Sims herausgefunden hatten, dass heimlich Vampire unter ihnen lebten.
Er erzählte ihr von seiner ersten Begegnung mit Miss Hell.

Davon, wie sie ihn verwandelt hatte.

Er erzählte ihr von Rosemary, seiner damaligen Verlobten.

Davon, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

Und davon, wie er sie kaltblütig getötet hatte, komplett ausgesaugt, bis zum letzten Tropfen.

Er erzählte ihr von seiner Zeit bei den Rebellious Vampires. Von seinen grausamen Taten über die er nicht stolz war.

Er erzählte ihr von Lilith.

Davon, wie sie ihn wieder nach Hause geholt hatte.

Er erzählte ihr von Katerina und von einem Heilmittel gegen Vampirismus.
Er erzählte ihr von einem Aufstand in Forogotten Hollow, den er nur dank ihr und des Heilmittels knapp überlebt hatte.

Und er erzählte ihr von Miss Hells letzten Minuten. Davon, wie Vladislaus Straud ihr das Herz aus der Brust gerissen hatte.

„Deine Mutter starb in meinen Armen.“

Dakaria schluckte schwer. Das waren ganz schön viele, sehr persönliche und heftige Informationen gewesen. Seine Augen hatten ab und zu verräterisch geglänzt und sie hatte sehen können, dass ihm das Sprechen schwergefallen war, aber er hatte tapfer bis zum bitteren Ende durchgehalten. Sie löste ihre Arme aus der Verschränkung. „Danke, dass du mir das alles erzählt hast.“ Aus einem Impuls heraus, holte sie das Amulett hervor, dass Elle ihr gegeben hatte.

Sie betrachte das alte Foto darin, dass sie als Baby zeigte, gehalten von ihrer leiblichen Mutter.

Und plötzlich schoben sich Bilder vor ihr geistiges Auge. Bilder aus ihrem längst vergessenen „Traum“, als sie ihr an diesem wunderschönen Sandstrand gegenübergestanden hatte. Sie hatte gelächelt, das wusste sie noch genau.

Auf ein Mal fühlte sich Daka so emotional, dass ihr sogar die Tränen kamen, doch sie hielt sie beherrscht zurück. „Ich hätte nie gedacht, dass mich ihr Tod so mitnehmen würde… Ich kannte sie nicht mal.“„Sie war deine Mutter.“ Dakaria steckte die Kette wieder ins Inventar und sah ihren Vater an. „Warum hat sie dir nie von mir erzählt? Warum hat sie mich weggegeben?“„Das kann ich dir leider nicht beantworten. Ich weiss es nicht.“„Hätte ich stattdessen nicht… bei dir sein können?“

Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, aber es war ihr irgendwie so rausgerutscht. Schlimmer noch, war ihre Stimme dabei, sie hatte sich so weinerlich angehört, dass sie sich gerade selbst dafür hasste. Er schaute sie auf einmal ganz wunderlich an, ein wenig erschrocken und ein wenig betrübt zugleich, eher er seine Sprache weiderfand. „Nein. Ich wäre dir kein guter Vater gewesen.“ Dakas Herz zog sich zusammen und sie musste einen schmerzhaften Seufzer unterdrücken.

Doch dann erfüllten sie Hoffnung und Glück, als sie die Aufrichtigkeit sah, die sich in seinen grauen Augen widerspiegelte, mit denen er sie entschlossen anblickte und ergänzte: „Aber ich glaube, jetzt wäre ich es. Zumindest könnte ich es versuchen, wenn du mich noch lässt, Dakaria.“

Seine Worte drangen direkt in ihr Innerstes. Sie presste ihre Lippen zusammen, doch nun konnte sie sie nicht mehr aufhalten, die Tränen. Sie kullerten wie kleine, hiesse Wasserfälle über ihre eröteten Wangen. Caleb war sichtbar betroffen. Ohne zu zögern trat er auf sie zu und als sie es zuliess, nahm er sie fest in die Arme. „Erzähl mir alles von dir. Lass nichts aus. Ich möchte dich ganz kennenlernen.“ sagte er in die Umarmung hinein.

Bis zum späten Nachmittag sassen sie auf einer verschneiten Bank am Ufer des kleinen Sees und hatten sich gegenseitig viel zu erzählen.

Sie hatten noch so viel nachzuholen, aber langsam wurde es Zeit, nach Hause zu kehren. Doch erst hatte Dakaria noch etwas zu erledigen. Sie stellte sich ans Wasser und holte die Urne ihrer Mutter hervor, die sie in den ganzen Monaten in ihrem Inventar mitgetragen hatte. Vorsichtig öffnete sie den Deckel und sah sie sich nach ihrem Vater um.

Und ohne dass sie etwas sagen musste, nickte Caleb und kam auf sie zu. Beide gingen in die Hocke und machte sich daran, die Asche ins klare Wasser zu streuen. Eine kleine Menge nach der anderen, bis der Behälter leer war. Sie richteten sich wieder auf und sahen schweigend zu, wie Miss Hells Asche langsam ins Wasser sank. Dabei hatte Caleb seiner Tochter eine Hand auf die Schulter gelegt.

Als Vater und Tochter sich wenig später Dakarias Grundstück näherten, vernahmen sie schon von weitem Gesprächsfetzen. Und als Daka die eine Stimme erkannte, blieb sie auf der Stelle stehen. „Was ist?“ fragte Caleb, der ebenfalls stehen geblieben war und sich besorgt anhörte, „wer spricht denn da?“

„Meine… Mama…“ stotterte Daka und konnte es selbst nicht glauben. Sie rannte los, zur Vorderseite des Hauses. Tatsächlich. Da standen nicht nur Katerina, sondern auch Jamila, Veronica und sogar Derek, die alle augenblicklich verstummten und ihre Augen auf die Neuankömmlinge richteten. Noch nie hatte Dakaria sich so gefreut ihre Mama zu sehen, wie in diesem Moment. Und dennoch näherte sie sich ihr langsam, fast zaghaft. Caleb war ihr nicht von der Seite gewichen. „Mama…“ begann die junge, völlig aufgelöste Vampirin, „es… es tut mir so leid… ich… ich…“ ihre Stimme brach, Tränen strömten wieder über ihre Wangen. „Schsch…“

Veronica zog ihre Kleine in die Arme und drückte sie fest an ihren Leib. Sofort wurde ihr Herz von inniger Liebe und einem Gefühl wunderbarer Geborgenheit erfüllt, dass nichts anderes mehr neben sich duldete. „Ich liebe dich Dakaria.“ schluchzte Veronica, „mehr als eine Mutter je ihre Tochter geliebt hat.“ Über die Schulter ihrer Mama hinweg, erblickte Daka ihren Ziehvater, Derek. Er nickte ihr zu und sie sah, dass sich seine Mundwinkel leicht nach oben bogen. Ein Lächeln legte sich auf ihr verweintes Gesicht. Sie nickte zurück.

Die beiden Freundinnen standen etwas abseits, während Dakarias Zieheltern sich mit Katerina und Caleb unterhielten.

„Worüber sie wohl reden?“ fragte Daka, mehr an sich selbst gewandt. Natürlich hätte sie mit ihrem Vampirgehör einfach lauschen können, aber das wollte sie nicht. „Bestimmt darüber, was für ne Hammer Tochter sie haben.“ kommentiere Jamila. Die Vampirin drehte sich zu ihr um und nahm sie ohne Vorwarnung in die Arme. „Danke Jamila, du bist die beste Freundin auf der Simwelt.“

Veronica und Derek hatten tatsächlich nur ein paar Tage ausserhalb von Willow Creek verbracht, um alte Bekannte zu besuchen. Sie waren erst heute Morgen wieder nach Hause gekommen. Jamila hatte nach ihrer Schicht zufällig einen Abstecher nach Willow Creek gemacht und ihnen darüber berichtet, wie down Daka gerade sei. Da hielt Veronica natürlich nichts mehr und sie reiste sofort nach Windenburg um nach ihrem Töchterchen zu sehen. „Ich weiss.“ grinste die Kurzhaarige, „du aber auch, Süsse!“

Als sich die beiden voneinander gelöst hatten, näherte sich Katerina. „Alles okay?“ erkundigte sie sich freundlich. „Alles okay.“ bestätigte Daka und brachte ein ehrliches Lächeln zustande. Kate schien zufrieden und wollte gerade wieder zu den anderen, doch da hielt Dakaria sie auf: „Ich wollte mich entschuldigen, dass ich so gemein zu dir war…“ sagte sie etwas befangen, „wenn ich aufgebracht bin dann sage ich manchmal fiese Dinge, die ich eigentlich nicht so meine… tut mir leid.“

„Schon gut.“ tat Katerina mit einem Schmunzeln ab, „das kenne ich schon von deinem Vater.“ Sanft legte sie Daka ihre Hand an den Oberarm. „Willkommen in der Familie, Dakaria. Und mach dir wegen Lilith keine Gedanken.“ zwinkerte sie, „am Anfang ist sie eine Kratzbürste, aber das legt sich. Da musst du einfach durch.“„Dankeschön, Kate.“

„Uhm… also diese Kate, die Ex von Lu, ist jetzt mit deinem Dad zusammen, ja?“ wollte Jamila wissen, nachdem beide zugeschaut hatten, wie Katerina sich wieder zu den anderen gesellt hatte und von Caleb mit einem Kuss auf die Schläfe empfangen wurde. Die Simin seufzte. „Und ich wollte dich grad fragen ob er single ist.“

„Was soll das heissen?“ fragte Daka mit zusammengezogenen Brauen. „Das soll heissen, dass dein Dad damn hot ist.“„Jamila! Du redest hier von meinem Vater!“ – „So what? Ey hast du mal überlegt, wie cool das wäre… er und ich… together? Ich wär dann sowas wie dein Stiefmom und könnte sagen,“ dabei verstellte sie ihre Stimme, „Dakaria! Geh auf dein Zimmer!“ Daka klappte der Mund auf und eher sie sich bremsen konnte, brach sie in Lachen aus.

Diese Vorstellung war so absurd aber gleichzeitig lustig, dass sie sich das Lachen einfach nicht verkneifen konnte. Jamila liess sich natürlich mitreissen und stimmte ins Gelächter mitein.

Es war ein so schöner Nachmittag gewesen und alle hatten sich auf Anhieb gut miteinander verstanden, als würden sie sich schon ewig kennen. Als sich Familie und Freunde verabschiedet hatten, war Dakaria wieder allein. Aber sie war glücklich. Nur eines fehlte noch zu ihrem vollkommenen Glück, ihr Freund. Abermals versuchte sie ihn zu erreichen, doch sein Handy blieb ausgeschaltet.

Das ungute Gefühl dass sie seit Tagen beherrschte, wurde stärker. Irgendetwas stimmte nicht, davon war sie immer mehr überzeugt. Vielleicht sollte sie nach StrangerVille reisen, um herauszufinden, was.

weiterlesen… Til Death do us part – III FINALE

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