Kapitel 28

Til Death do us part – III FINALE

verfasst: 11.09.2020

StrangerVille, 2 Tage zuvor

Es war ein sonniger und warmer Morgen in der einst bizarren Wüstenstadt, als sie auf dem Bett ihres schäbigen Motelzimmers kauerte.

Tränen rannen über ihr Gesicht und tropften auf die Fotos, die sie in den Händen hielt. Es tat so weh sie anzusehen.

Die gepackten Koffer standen neben der Tür. Aber dort, wo sie hingehen würde, würde sie sie nicht mitnehmen können. Trotzdem wollte sie das Zimmer ordentlich hinterlassen. Genau wie alles andere in ihrem Leben auch. Einen sauberen Schnitt machen. Deswegen hatte sie auch ihre Anstellung gekündigt und ihre Wohnung. So wie alle anderen Verträge auch. Bis auf den Ehevertrag natürlich. Der soll bestehen bleiben.

„Hasta que la muerte nos separe. Y más allá.“ wisperte sie und strich mit zwei Fingern sanft über sein Gesicht auf dem Hochzeitsfoto. Ihren Freunden und Eltern hatte sie Textnachrichten geschickt und sich verabschiedet. Bisher kam nur eine Antwort und das war lediglich ein schöner Urlaubswunsch…

Sie war nervös. Sorgte sich. Würde es reibungslos klappen? Würde es schnell gehen? Würde es wehtun? Sollte sie einen Rückzieher machen? Ihr Blick huschte fahrig zu der Tüte auf dem Tisch, die sie gestern aus San Myshuno mitgebracht hatte. Noch war es nicht zu spät… Doch sie hatte sich entschieden und jetzt mussten sie es auch durchziehen, denn nur so konnten sie zusammen sein. Sie gehörte zu ihm. Er gehörte zu ihr.

Die Simin wischte sich mit dem Handrücken energisch übers Gesicht, packte die Fotos weg und stand auf. Schniefend stellte sie sich vor den Spiegel. Ihre Augen waren vom vielen Weinen ganz geschwollen. Mit akribischer Sorgfalt, brachte sie ihr Make up wieder in Ordnung und sprühte sich dann noch einen Hauch Parfüm hinter die Ohren. Es war sein Lieblingsduft. Das alles geschah völlig mechanisch, nahezu automatisch, als wäre sie ferngesteuert. Sie musste funktionieren, für übermässige Gefühle war jetzt kein Platz. Dennoch wollte sie gut aussehen.

Und verdammt, das tat sie! Qué guapa!“ sagte sie zu der eleganten Schönheit im Spiegel und warf ihr eine Kusshand zu, bevor sie besagte Tüte schnappte und sich auf den Weg zu ihrem Ehemann machte. 

„Marisol…“ Er hatte die Tür nur einen Spalt weit geöffnet und klang unüberhörbar genervt, „ich hoffe du bist hier, um mir zu sagen, dass du endlich die Scheidungspapiere unterschrieben hast.“

„Ich dachte, wir könnten auf den Erfolg in StrangerVille anstossen.“„Du bist mit Abstand die letzte, mit der ich auf irgendetwas anstossen wollen würde.“„Ich hab auch dein Lieblingsessen dabei.“„Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?!“ Das tat sie nicht. Jedenfalls nicht ganz. In Gedanken war sie bei jenem Abend auf dem Romantikfestival, kurz nach ihrem Kennenlernen.

Sie hatten wunderbare Stunden miteinander verbracht und da hatte er ihr auch anvertraut, was seine Lieblingsspeise war…

Sie wollte doch nur, dass alles wieder in Ordnung kam. Wieder so wurde wie vorher. 

Marisol bekam gerade noch rechtzeitig mit, dass er ihr die Tür vor der Nase zuschlagen wollte. Schnell schob sie ihren Fuss dazwischen. „Dann sieh es eben als Abschiedsessen an!“ Sie teilte ihm mit, dass sie die Stadt verlassen- und dass sie auch nicht mehr länger bei FutureSim Labs arbeiten würde. Doch nichts als Misstrauen schlug ihr entgegen.

„Ich werde auch die Scheidungspapiere unterschreiben. Ich habe sie dabei. Aber erst nach dem Essen.“

„Bitte, das kleine Essen sollte es dir doch Wert sein.“„Danach unterscheibst du die Papiere?“„Sí.“„Und ich seh dich nie wieder?“ Sie nickte und senkte ergeben den Blick. Einige Sekundenlang schaute er sie abwägend an, bevor er die Tür frei gab. „Komm rein.“

Widerwillig setzte er sich mit ihr an den Tisch und schaute zu, wie sie Essen und Wein auspackte. Marisols Blick wanderte unauffällig durch sein Zimmer. Er hatte ebenfalls seine Koffer gepackt. Doch auch er würde sie auf seine letzte Reise nicht mitnehmen können. Nicht mal seinen Hund, der, als er Futter roch, neugierig angetapst kam.

„Fuera!“ schimpfte die Simin, als er seine feuchte Schnauze auf den Tisch legte. Es würde nur sie beide geben. Nichts und niemand würde ihre Zweisamkeit je wieder stören. Der Hund, der seine feuchte Schnauze nun halt eben auf seines Herren Knie abgelegt hatte, wurde jedoch nicht weiter beachtet. Sein Meister war zu sehr damit beschäftigt, seiner noch Ehefrau böse Blicke zu zuwerfen, während sie noch einmal beteuerte, wie leid ihr der Ausrutscher mit dem Yogalehrer täte. Und dass sie ihn angelogen hatte. Und dass sie mit den ganzen Simoleons abgehauen war.

Aber genauso gut hätte sie gegen eine Wand reden können, ihre Entschuldigungen interessierten ihn nicht. Er rührte nicht mal das Essen an, welches sie liebevoll von der Take Away Verpackung in den Teller gekippt hatte.

„Willst du denn gar nichts essen?“„Nein!“„Nimm wenigstens einen Happen… Du hast es versprochen.“ Um ihn anzuspornen, holte sie die Scheidungsunterlagen hervor, auf die er so scharf war und legte sie mittig auf den Tisch. Den Kuli obendrauf.

Und schon befanden sich die Essstäbchen in seinen Fingern und beförderten geschickt und ohne Pannen einen Leckerbissen vom Teller in den Mund.

Er kaute ein paar Mal, schluckte und liess die Stäbchen zurück auf den Teller sinken. „Zufrieden?!“

Marisols aufgestaute Nervosität wich abrupter Angst, als er gleich darauf einen erstickten Laut von sich gab. Sein Körper wurde jäh von heftigem Zittern erfasst. Die Sehnen in seinem Hals spannten sich an und Schweiss bildete sich auf seiner Stirn. Hastig versuchte er nach dem Weinglas zu greifen, stiess es aber um und der Wein schwappte auf die Scheidungspapiere. Färbte sie blutrot.

Als nächstes fing er an zu keuchen. Seine Hände legten sich um seine Kehle, als würde er erwürgt. Sie hielt den Atem an, während er verzweifelt nach Luft rang. Mühsam schob er den Stuhl zurück, stützte sich auf dem Tisch ab und versuchte aufzustehen, kam aber nicht auf die Beine. Sie wollte ihm beistehen, wollte ihn beruhigen, ihm sagen dass es gleich vorbei sein würde, doch Entsetzen und Mitleid lähmten sie vollkommen.

Selbst der Hund hatte sich winselnd und mit eingezogenem Schwanz verkrochen.

Mit schmerzverzogenem Gesicht sah er seine Ex ein letztes Mal an. In seinen dunklen Augen, in die sie sich bei ihrer ersten Begegnung sofort verliebt hatte, sah sie ein untrügliches Zeichen dafür, dass er dem Tod sehr nahe war. Ganz kurz sah sie auch Hass in ihnen aufblitzen, vermischt mit purer Enttäuschung, bevor sie sich verdrehten und seine Glieder ihren Dienst versagten. Sein Oberkörper sackte vornüber auf den Tisch. Der Kopf landete auf dem Kugelfisch.  

Stille.

Mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen, starrte Marisol fast eine halbe Minute lang untätig auf ihren vergifteten Ehemann herab, ehe sie sich endlich vorbeugte, ihn ansprach und vorsichtig an der Schulter berührte. Er war tot… Ihr Puls schoss von 0 auf 100, doch zwang sie sich Ruhe und einen kühlen Kopf zu bewahren. Schliesslich war bis jetzt alles nach Plan verlaufen. Jetzt musste sie ihn nur noch zu Ende führen. Zärtlich, als wollte sie Abbitte leisten, strich sie ihm durchs Haar und sprach ein paar herzliche Worte auf Spanisch.

Dann atmete sie tief durch und sammelte sich, bevor sie mit zittriger Hand ihre unberührten Holzstäbchen aufnahm.

Leider war sie damit nicht so geübt wie ihr Lebensgefährte, doch war es ihr gelungen, ein Stück Fisch aufzupicken.

Unzerkaut spülte sie es mit Wein runter.

„Bald werden wir wieder vereint sein.“ hörte sie sich sagen, während sie die Stäbchen zurück auf den Teller legte. Ein seliges Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie hatte keine Angst mehr. Sie war bereit. Jetzt würde endlich alles wieder gut werden.

Es dauerte nicht lange bis ihre Eingeweide von heftigsten Schmerzen zerwühlt wurden. Sie krümmte sich wimmernd, hielt sich mit der einen Hand den Bauch und die andere krallte sie in die Tischplatte, bis die Knöchel weiss hervortraten. Ihr Herz raste vor Anstrengung, ihr Atem ging so schnell, dass ihr schon bald die Luft wegblieb.

Mit letzter Kraft griff Marisol nach der Hand ihres toten Gattens und umklammerte sie. „Ya voy, mi amor… ya voy.“

Dann brach auch sie leblos auf dem Tisch zusammen.

weiterlesen… Epilogue

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